AlberBork
so so
Theater


ist Gott glücklich?

Schreiben ist der andere Flügel des Schreis, angesichts der Schwerelosigkeit.

Livorno

Fluß mit sechs Buchstaben bei Livorno. Er klappte seine Illustrierte zu, legte sie auf den Rand des Waschbeckens und sah der kleinen Spinne zu, die in der runden Deckenlampe endlose Kreise beschrieb, auf der Suche nach dem Ausgang. Es mußte einen geben, sie war ja auch irgendwie hereingekommen. Cecina; das war einfach, zu einfach, außerdem ist der Fluß im Sommer keiner sondern ein Rinnsal. Vor allem seit sie die neue Brücke bauen und ihn deswegen trockengelegt haben. Er legte seinen Blick auf das Fenster das mit angetrockneten Wassertropfen übersäht war. Im Norden muß es geregnet haben, oder hatte der Zug sogar die Alpen unter sich gespürt. Er schickte ihn in die Ferne zu den Bäumen die langsam vorbeizogen, etwas zurück auf die Masten die vorbei rasten und wieder auf das Fenster. Auf der anderen Seite liegt das Meer, auf der Rückfahrt wird er es wohl sehen. Vorausgesetzt, sie wenden den Wagen und hängen nicht einfach eine Lok an das andere Ende. Und wieder die Bäume, das Fenster, die Bäume, dieses Spiel hatte er sich in seinem Geschäft angewöhnt, stehend zwischen all den an Haken hängenden Schinken und Würsten hinter seiner Kühltheke. Zehn weiß geflieste Quadratmeter irgendwo in den letzten erhabenen Bergen der Toskana die zum Meer hin auslaufen. Zehn Quadratmeter und eine große Scheibe, ein Schaufenster wie man sagt, und draußen die Welt, oder zumindest ein Teil davon. Das Glas immer sauber, gepflegt, durchsichtig, als wäre es nicht vorhanden. Wie er immer zu scherzen pflegte, wenn ihm nichts Besseres zu reden einfiel: `Dreimal am Tag müsse man eine so große Scheibe reinigen, dann hat man das Gefühl sie wäre gar nicht da, wenn man durch sie hindurchsieht.` - Außer bei Regen, da läuft die Welt an ihr herunter und wenn es aufhört und die Sonne durchbricht, sieht man ihre Spuren, die er jedoch fast noch bevor sie antrocknen beseitigt. " So muß das sein." Er dachte an sie, -die Venus, die Venus von Boticelli, hinter Glas?! nein, das kann nicht sein. Sie hatte das Bild geliebt, hatte wohl alle Postkarten, alle Reproduktionen die je davon gefertigt wurden besessen. Eine davon hing sogar in ihrem kleinem Geschäft. Touristen, die in ihrem Laden diese Kuriosität entdeckten, hatten ihr immer neue Abzüge aus Florenz mitgebracht. Sie war beliebt. Jeder, ob Mann, Frau oder Kind, ob er ihre Sprache verstand oder nicht, mußte sie lieben. Ihre Gesten, ihre Stimme, die kleinen Pausen, in denen sie nachdachte, welchen Rat sie auf eine Frage manchmal wildfremder Menschen geben sollte. Die Eigenart ihren Kopf zur Seite und in den Nacken zu legen, mit den Augen zu blinzeln, als blende sie die Sonne, Atem einsog, anhielt und erst nach Sekunden wieder lächelnd ausblies, um mit der nächsten Woge ihrer Brust den Frager mit nicht enden wollenden Ratschlägen, Anekdoten und anderen charmanten Unsicherheiten, in einem Meer von Freundlichkeit zu ersäufen. Es kam selten vor, daß ein Mensch den Laden verließ, ohne gelacht, zumindest geschmunzelt zu haben ohne ihre freundliche, hilfsbereite Art und manchmal sogar ihre feine zarte Stimme zu loben. Ihre Stimme war zart, ja zärtlich, selbst als sie älter wurde, oder gerade als sie älter wurde, hatte man das Gefühl diese Stimme fasse einen an, wie ein herzlich bestimmter Händedruck. Ihre Stimme hatte ihn immer berührt. Es spielte keine Rolle ob sie stritten, Zärtlichkeiten austauschten, manchmal hatte er sogar das Gefühl, selbst die Abwesenheit dieser Stimme erreiche ihn, wenn sie stundenlang schwieg, weil er in ihren Augen etwas unrechtes gesagt, getan, oder einfach nur stur auf etwas beharrte, was sie anders, oder gar nicht wollte. Sie war in seinem Kopf. Zum Glück in seinem Kopf, jedenfalls so lange er lebte. Touristen waren seit damals kaum noch in den Laden gekommen. Dazu war er zu einsilbig geworden, oder schon immer gewesen. Die " Venus ", hatte er verbrannt, es fiel ihm nicht leicht, aber er hatte sie nicht mehr ertragen, zu zärtlich, zu leicht, zu nah war sie ihm. Er hatte sie plötzlich in seinen groben, roten Händen, als er allein im Laden stand, von der Wand gerissen, im Affekt müßte es heißen, gäbe es einen Ankläger, einen Prozeß, einen Richter; er hatte aus dem Fenster gesehen und sie hatte sich immer wieder im Glas gespiegelt, als ein Konvoi von Rotkreuzfahrzeugen durch den kleinen Ort an seinem Geschäft vorbei fuhr. Immer wieder Venus, immer wieder sie, bis er sie in den Händen hielt. ohne Ecken, die blieben an der Wand, und schon zerknittert von diesen Händen. Es blieb nichts, als sie zu verbrennen, wie die Anderen. Er ging ins Bad über dem Geschäft, schloß Tür, Fenster und davor die Läden, machte kein Licht, ein wenig Sonne drang durch die Fensterläden auf seine Schuhe und den Boden vor ihm. Er legte das Bild in das Waschbecken, zündete es an ohne einen weiteren Blick und stierte unverwandt in den Spiegel vor sich. Das Erste was er wahrnahm, außer seinem Torso mit Kopf, war der Geruch, der verbrannte Geruch, er schien alles was auf dem Bild war zu enthalten, Bäume, Blüten, Blumen, Haare, verbranntes, kreischende Reifen, Metall, Benzin, berstende Knochen, Fleisch, Schreie, Todesangst, Panik, Einsamkeit, Stille -. Er war allein im Badezimmer, im Kopf war es wieder still. Die Decke über dem Waschbecken war leicht verrußt, vom Papier war nur Asche geblieben; er spülte sie in den Ausguß. Das plätschernde Geräusch und der Duft des Wassers beruhigte ihn, er wusch sich die Hände. Zu den Bildern in seinem Kopf war eines hinzugekommen; sein flehendes Gesicht im Spiegel umrandet von Rauch und zarten Flammenzungen. Er netzte sich das Gesicht mit den nassen Händen, rieb sie an seiner Anzughose trocken, die Spinne in der Deckenlampe war entkommen, es mußte einen Ausweg geben. Er schloß die Tür auf und verließ die Toilette, der Zug hatte ohne ersichtlichen Grund auf freier Strecke gehalten. Die Landschaft stand bewegungslos in der prallen Mittagshitze. Irritiert durch die Stille die der stehende Zug verursachte, bahnte er sich seinen Weg durch das Stimmengewirr des überfüllten Ganges. Am Boden und über ihm im Gepäckgitter, Koffer, Rucksäcke und um ihn schwitzende Menschen die aus den Abteilen quollen, die an den geöffneten Fenstern standen, nach Luft schnappten, oder sich orientierten was der Grund des Aufenthaltes war, Gelächter, böse Kommentare über die Unlogik des Stillstandes. Vor seiner Abteiltüre stand eine junge Frau, der nach vorne gebeugte Oberkörper nur schemenhaft durch die Abteilfenster zu erkennen. Ihre Hand deutlich in der Nähe seines Gesichtes an der Scheibe des Ganges, den Körper abstützend, erkundigte sie sich ob der Platz, sein Platz noch frei war, dem Akzent nach eine Deutsche, oder noch weiter aus dem Norden. Die Stimme weich, freundlich, die langen Haare zurückwerfend kam sie wieder auf ihren Beinen zu stehen, die einen Rucksack und eine Kladde zwischen sich in Schach hielten. Sie drehte sich in seine Richtung, bedankte sich über die Schulter trotz der negativen Auskunft, strich mit beiden Händen ihre Haare zurecht, als der Zug mit einem unvermittelten Ruck anfuhr. Sie fiel ihm einfach in die Hände. Seine immer noch kräftigen Arme umfaßten sie, ihr Gesicht ruhte an seinem Hals, ihr Haar berührte sein Kinn. Seine linke Hand spürte ihren durch den Sturz angespannten Rücken, und in der Rechten hielt er ihre kleine zarte Brust, die nur durch ein wenig dünnen Stoff verdeckt war. Für Sekunden vor ihm kniend, zog sie sich an seinen Armen hoch, strich sein Gesicht mit ihren Haaren und verströmte einen angenehm herben, Geruch. Ihr lächelnder Mund bedankte sich vielmals für die Rettung, ihre Augen, die unsicher funkelnd immer wieder auswichen, versuchten seinem Mund ein Wort oder ein lächeln abzuringen. Er bot ihr seinen Platz, sie ihm ein weiteres bezauberndes Lächeln, nahm ihren Rucksack, die Kladde und diesen betörenden Duft mit in das Abteil. Er nahm auf dem letzten freien Notsitz platz, der Gang war überfüllt mit sitzenden, stehenden Menschen. Von hier aus konnte er sie sehen, nicht ganz, aber immerhin ihre übergeschlagenen Beine, die Arme die darauf ruhten, und manchmal ihr Gesicht. Ihr Duft verblasste zwischen all dem Schweiß. Er fasste sich an sein Herz, massierte die Brust darüber und sah wieder aus dem Fenster. Er saß mit dem Rücken gegen die Fahrtrichtung, was den Vorteil hatte, daß die Landschaft nicht immerwährend auf ihn zuraste. Er war erregt, sein Puls, sein Herz hämmerte unter der ungelenken Hand, seit Jahren das erste mal. Er spürte sie ohne hinzusehen, glaubte sogar wieder ihren Duft in der Nase zu haben. Gern hätte er gewußt, was sie mit dem jungen Mann gegenüber sprach, den er schon nicht mochte als er zustieg, nicht um sie zu belauschen, oder etwas über sie zu erfahren, nur ihre Stimme hätte er gerne gehört. Der junge Mann lachte, er wirkte zunehmend sympathischer. Sie öffnete ihre überkreuzten Beine, beugte sich vor und sprach, mit ihrem Gesicht ganz nah dem seinen, ein kurzes Schweigen folgte und dann schütteten sich beide aus vor Lachen. Ein Blick aus dem Fenster, erzählte ihm, daß sie sich einem kleinen Ort auf der Strecke nach Florenz näherten. Menschen warteten an der geschlossenen Schranke, hielten ihre Kinder fest, sahen dem Zug nach, manche winkten. Lautsprecherdurchsagen, wirr durcheinanderrennende Körper. Kein Aufenthalt, Durchfahrt, der Ort zu klein zu unbedeutend. Was war wichtig im Leben, der Abschied. Er hatte keinen nehmen können. Nicht von ihr, und schon gar nicht den seinen. Es war alles so schnell gegangen: " Drei Tage Schatz, drei Tage, " sie schloß die Augen legte den Kopf in den Nacken, hielt den Atem an und sagte, " Ich bring dir auch etwas Schönes mit". Ein Kuß auf die Stirn, die Autohupe... Der Asphalt war Nass, Sand und kleine Kiesel, beim Transport zur neuen Brücke von Lastwagen gefallen, hatten die Allee in eine Rutschbahn verwandelt. Ein Ort ohne Halt, von hier aus in die Ewigkeit. Die ausgelassene Meute hatte irgendwo auf dem Weg vom Meer nach Hause Halt gemacht, eine Kleinigkeit gegessen und mit gutem Wein aus der Gegend verfrüht die Ankunft gefeiert. Er hatte sich ein wenig gelangweilt und fand es romantisch ihnen im warmen Nieselregen entgegen zu gehen. Knapp eine halbe Stunde stand er an der Kreuzung. Links ging es zum Meer, rechts zum Fluß, er in Gedanken auf und ab, rauchte und lauschte dem Hundegebell, das von den verstreut liegenden Höfen zu ihm hin wehte, die Luft war mild. In der Ferne eine Autohupe die stümperhaft versuchte eine Melodie zu morsen die er nicht erkannte es war auch nicht wichtig. Sie schien sich vom Meer her zu nähern. Aus dem Dorf kam auf der Straße den Berg herunter der letzte Lastwagen für Heute. Die Melodie verstummte bevor er sie erraten konnte, der Lastwagen stoppte kurz hinter ihm, die ihm abgewandte Tür wurde aufgerissen, ein Mann sprang heraus und verschwand hinter einem Baum. Der Andere kurbelte die Scheibe herunter und rief vom Motorengeräusch begleitet, wohin er wolle und ob sie ihn ein Stück mitnehmen sollten bei dem Mistwetter. Er drehte sich nicht einmal um, er wollte nur in Ruhe hier warten und sich in Gedanken ihre bevorstehende Ankunft ausmalen. Hätte er Unterhaltung gebraucht, wäre er in die Bar gegangen und hätte dort auf sie gewartet. Das rhythmische Tackern des Dieselmotors verstummte, die Beifahrertür wurde zugeschlagen. Ob er schwerhörig sei, dröhnte es durch die Dunkelheit, auf in den Kampf, Torero  hupte es aus Richtung Meer. Der Fahrer wurde ungeduldig, schaltete das Licht aus und an, blendete auf und ab , verfluchte ihn lautstark, oder seine unangebrachte Unfreundlichkeit. Der Diesel startete wieder der Lastwagen rollte langsam und unbeleuchtet an ihm vorbei auf die Kreuzung. Der kleine überfüllte Wagen war zu schnell, sah das Hindernis zu spät, versuchte auszuweichen, verlor die Haftung, Reifen quietschten, Kiesel knirschten, er schlingerte zwischen zwei Bäumen hindurch, überschlug sich mehrmals auf seinem Weg die Böschung hinunter und kam auf dem Dach zu stehen. Er rannte los, hinterher, der Lastwagen entfernte sich langsam. Er war sich nicht sicher... "Entschuldigung", drang es zu ihm durch, in schlechtem Italienisch. Die junge Frau stand zu ihm heruntergebeugt, mit ihrer Rechten seine Schulter berührend, das Gesicht umrahmt von ihrem blonden Haar, die Linke fasste ihr Herz sie lächelte: "es wird gleich der Platz gegenüber frei, wenn sie möchten?" Er saß schweißgebadet da, den Kopf im Nacken sah er zu ihr hoch. Etwas lief ihm den Rücken herunter, seine Hände klebten. Er zog die Fingerspitzen vor seinem Mund zusammen und blickte sie ängstlich an, Warum, fragten seine Augen, wie Jemand der auf die amtliche Bestätigung einer schlimmen Nachricht wartete. "Sie müssen mich vor dem entsetzlich aufdringlichem Mann retten", flüsterte sie plötzlich in einem anderen Ton, die Haare auf seinem Schoß ausbreitend, "sie sind doch mein Schutzengel." Nicht auf Antwort wartend hauchte sie ihm einen Kuß auf die Wange und bließ ihm darauf ins Ohr: "bitte, sie haben mich schon einmal gerettet." Er war genau der Richtige wenn es galt jemanden zu vertreiben, ging ihm durch den Kopf. Sie griff nach seiner Hand bevor er sich entschieden hatte und zog ihn nachlässig hinter sich her ins Abteil. Ihre Hand war kühl aber fordernd, ihr Geruch aufregend. Sie schob ihn auf seinen alten Platz und stand nun selbst zwischen übergeschlagenen Beinen und blickte ihn auffordernd an. "Wollen sie der Dame nicht ihren Platz anbieten?" kam es zu seinem Erstaunen aus ihm heraus. "Sie kann ja auf meiner Stange Platz nehmen," lächelte der andere gewinnend zurück. Sie grinste beide nacheinander an, sie schien den jungen Mann  nicht richtig verstanden zu haben. Sie zupfte an ihrer Unterhose, strich ihr Kleid zurecht und setzte sich, auf seinen Schoß. Im Abteil wurde es still, alles wartete auf die Reaktion des jungen Mannes. Der stand langsam und geschmeidig auf nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und rieb unvermittelt seine feuchten geöffneten Lippen an ihren, ihn nicht aus den Augen lassend. Sie wehrte sich nicht, es ging ihr zu schnell, sie reagierte überhaupt nicht. Es mußte ihr unbeschreibliche Angst eingajagt haben, oder sie an etwas erinnert haben das dazu in der Lage war. Er bemerkte es erst als es zu spät war, als es warm zwischen seinen Beinen und feucht wurde, die Wärme schien sich auszubreiten. Der junge Mann ließ endlich von ihr ab und verließ lauthals fluchend das Abteil. Sie schrie unartikuliert hinter ihm her, wandte ihren Blick aus dem Fenster stockte für einen kurzen Moment, sah ihn dann an und flüsterte: "Ich glaube wir haben da ein Problem, das wir besser für uns behalten." Sie drückte ihre Stirn auf seine Schulter und zuckte unregelmäßig. Er hielt ihren Kopf und strich ihren immer noch angespannten Rücken. Mit seinem die Blicke der Anderen im Abteil verjagend. Mit nassen Hosen und einer Frau ihm Arm dachte er darüber nach warum gerade jetzt sich die Geschehnisse in seinem Kopf unaufhaltsam wiederholten, die Bilder ungefragt von ihm Besitz ergriffen. Es war 32 Jahre her, und er konnte es so lange von sich halten, oder war es immer da gewesen, er hatte es nur überhört. War der Grund der Reise nicht sie und ihre Liebe. Er war nie verreißt, danach und auch nicht davor. Das war ja der Grund weswegen sie damals alleine -, warum hatte er nicht neben ihr gesessen, er hätte sie halten können, zumindest in seinen Armen, auf die Reise. Er würde es nie wirklich loswerden. das wußte er, das wollte er auch nicht wirklich, es sollte nur nicht mehr so schmerzhaft sein. Sein Herz zog ein wenig, nicht der Rede wert, wollte es ihm zeigen, daß es noch da war, oder wollte es ihn warnen. Vor was, vor dem Tod, oder vor der Reise. War es wirklich gut gewesen das Geschäft vorübergehend zu schließen. Wieder kam ihm dieser Gedanke in den Kopf, er hatte ihn Monat für Monat erörtert, aus Angst auch noch den letzten hartnäckigen Kunden zu verlieren, also seine sogenannte Existenz, oder eher die Angst nicht mehr zurückkehren zu wollen, zu können. Um ehrlich zu sein hatte er die letzten Jahre damit verbracht, wie es wohl wäre alles hinter sich zu lassen. Nur die tiefsitzende Furcht sich selbst in der Fremde zu verlieren; nicht mehr der unfreundlichste Fleischer in ganz Italien zu sein, wie sie immer gespottet hatte, und der lustfeindliche Druck der längst beerdigten Eltern in seinem Gemüt hatten die Demontage seiner Identität bis jetzt verhindern können. Blond und so leicht, ging es ihm durch den Kopf. Sie hatte sich in seinem Arm beruhigt. Seine Hose hatte den Urin, sein Kragen die Tränen getrocknet. Sie bemerkte wohl seine Aufmerksamkeit, wandte ihr Gesicht langsam und immer noch nah dem seinen zu. "Na, alles in Ordnung", kam es aus ihrem schon wieder lächelnden Mund. Er erwiderte das Lächeln, zum Erstenmal, mehr erstaunt und ungläubig, in ihrem Gesicht nach Worten suchend, die er nicht fand. "Ich glaube ich setze mich jetzt mal da rüber, bevor noch ein Malheur passiert". Sie biß ein aus ihrem Mund herausbrechendes Prusten in sein Jackett und bebte von Neuem. Sein unsicher angespannter Körper entließ ein eher wimmerndes "Ja". Sie rutschte von seinem Schoß, stand auf, mit dem Rücken zum Fenster, nicht ohne den Rest des Abteils gewinnend zu mustern. Er schlug das linke Bein über das dem Fenster zugewandte, legte, ohne hinzusehen seine Hände weit geöffnet auf die immer noch sichtbar nassen Stellen. Sie brüllte los vor Lachen und er wünschte sich zum Erstenmal und dem Moment entnommen, nicht hier zu sein. Als hätte ihn ihre Ausgelassenheit wieder auf den Plan gerufen, stand der junge Mann plötzlich in der Tür. er hatte offenbar seine Sachen vergessen und kniete nun wortlos vor ihr und stöberte unter dem Sitz nach seinem Gepäck, seinen Blick fest und entschlossen auf sie gerichtet. Es kam völlig überraschend, sie hatte ihre Arme in die Höhe gestreckt, wohl um gut auszuholen, und landete nun ihre geöffnete Rechte laut klatschend in seinem Gesicht. Er nur kurz benommen, stürzte auf sie zu, doch bevor er noch irgendetwas ausrichten konnte, hatte ihn der Fleischer aus Reflex am Nacken. Sie sprang auf den Sitz und trat mit unerhörter Wucht zwischen seine gespreizten Beine. Er wäre sofort zusammengesackt, hinge er nicht noch immer im Fleischergriff. Sie überzog ihn mit einer für ihn unverständlichen Kaskade wahrscheinlich deutscher Flüche ehe er ächzend auf dem Boden ankam. Wimmernd griff er nach seiner Tasche, die er aus dieser Perspektive wohl sofort gesehen hatte und kroch mehr als er ging tief atmend aus dem Abteil. Sie stand kichernd, sich die Hände vor den Mund haltend auf dem Sitz und sah ihm nach. Die Leute im Abteil sahen ihren Komplizen an, der fassungslos, den Fleck auf seiner Hose vergessend dastand. Sie fiel ihm zum zweitenmal in die Arme und küßte seine Wange. Er stieß sie von sich und verließ das Abteil, der Zug hatte gehalten, deswegen hatte der Junge so schnell aufgegeben. Er sah ihn, immer noch über seine Tasche gekrümmt in der Bahnhofshalle verschwinden. Es waren wohl seine Eltern die er durch die Scheibe sah, die den Jungen völlig konsterniert empfingen und ungläubig dem anfahrenden Zug nachsahen. Er streckte seinen Kopf soweit es nur möglich war aus dem Fenster, sein Hirn überschlug sich, die Masten die an ihm vorbeirasten wurden schneller und schneller. Wäre der Zug nur etwas länger gestanden, er wäre ausgestiegen, umgekehrt, hätte aufgegeben. Florenz kam in Sicht, in der Talsenke des Arno lag es, und gab ihm das Gefühl endlich anzukommen. Er sehnte sich nach einem Hotelzimmer. Vier Wände um sich, und eine Tür, die er hinter sich schließen könnte. Die Menschen im Bahnhof werden noch eine Tortur, dachte er bei sich. Die Innenstadt ist frei von Autos, das Versprach ruhig zu werden. Das ersehnte Zimmer wird er zu Fuß suchen müssen, daß machte ihm weniger aus, auch wenn er sein linkes Bein eher etwas nachzog, als wirklich darauf zu gehen. Nur in den Bahnhof einlaufen, dann wäre er seinem Ziel schon viel näher. Die Sonne begann die Fenster der Stadt in die er einfuhr rot zu verfärben, gern hätte er in einige hineingesehen, etwas vertrautes entdeckt, hier in der Fremde. Als er Kind war, hatte er einmal mit seiner Schulklasse Rom besucht, wohl nichts besonderes für Italiener. Sie waren mit dem Zug gereist. Sein Vater hatte ihm eingeschärft auf die Pyramide zu achten, die man nur für Sekunden aus dem fahrenden Zug sehen könne. Auch damals stand er am Fenster, den Kopf so weit als möglich herausgestreckt, in stiller Erwartung. Es war wohl die falsche Seite gewesen damals, sie war unbemerkt an ihm vorbeigerast, damals. Der Zug hielt. Ihm viel ein, daß auch sein Koffer noch im Abteil war, und er verspürte nicht die geringste Lust ihn zu holen. Zum Glück kam sie im Moment, schwer bepackt mit einer Hand die Tür öffnend aus dem Abteil, und lächelte ihn gönnerhaft an. Er stürmte hinein, griff seinen Koffer und verließ den Zug. Stehende Luft, umzingelt, von sich zielstrebig bewegenden Menschen, versuchte er sich zu orientieren, Lautsprecherdurchsagen;- angekommen erzählte ihm der Sprecher, er setzte sich in Richtung Ausgang in Bewegung. Ein irrsinniges Treiben empfing ihn vor dem Bahnhof, die wohl letzte, dem Verkehr freigegebene Straße vor der beruhigten Zone. Denkmalschutz dachte er und ging los, es war grün. Richtung Fluß, das wird schon nicht falsch sein. Den Stadtplan hatte er von ihr, er war leicht angekokelt und von ihm behütet worden wie sein Augapfel, wie man so schön sagt. Es war eines der wenigen Dinge, die man aus dem Wrack bergen konnte. Er hatte ihn einfach an sich genommen damals. Ein Messingschild verriet ihm eine Pension in einem unscheinbaren Haus inmitten all dieser Pracht. Er klingelte unter dem Namen den das Schild trug, der Summer entriegelte die schwere Tür, die augenblicklich aufsprang, er trat ein, der Lärm der Straße blieb hinter ihm. Im Vergleich zu draußen war es finster, muffig. Die Wände kühl und feucht, der Arno in der Nähe. Er schleppte sich die Treppen herauf, sein Ziel lag im fünften Stock, ganz oben, dankbar für diese Stille, die nur aus dem Knirschen seiner Sohlen auf dem kalten Steinboden bestand. Oben angekommen, ging die Tür nur einen Spalt, Fernsehlärm drang heraus, sichtbar nur der Ausschnitt eines kleinen Mädchens. Die Tür schloß sich wieder als er eben vor ihr stand, Metall klirrte ein Schloß wurde entriegelt. Die Tür ging wieder, ihm Rahmen jetzt eine alte Frau in einer verdreckten Kittelschürze, die Rechte Hand, nervös mit den Schlüsseln spielend, fragte sie zahnlos was er wolle. Ein Zimmer für zwei bis drei Tage war die Antwort. Sie nickte, schloß eine Tür auf und ließ ihm den Einblick, er nickte betrat den Raum zog die Tür hinter sich zu ließ sich auf das Bett fallen und stierte die gewölbte Deckenlampe an, langsam verlor er sich in der Schwere seiner Beine. Der Himmel glänzte wie Gold, daß Wasser umspielte seine Waden, der Fluß war noch kalt vom Winter, die unruhige Oberfläche warf das Gold in seine Augen. Der Wind in den Pappeln sang mit dem Wasser im Chor, er schloß die Lider und verschwand in dem was er hörte, spürte und roch, die Musik der Welt. Eine ewige Sekunde, lang wie ein Leben. Strömung an den Beinen Wind auf der Haut blinzelte er in die Welt und sah sie, die Schaumgeborene, die Venus, der fleischgewordene Augenblick gedacht in einer Sekunde des Glücks. Ob er im stehen eingeschlafen sei, wie ein altes Pferd rief es ihm aus dem Wind entgegen und lachte, er hätte schreien mögen doch sog er alles in sich auf, was er sah, was er dachte, mein Gott, ein Griff in sein Herz, einmal herumgedreht und auf ewig verloren, ein Mensch vor ihm und alle Schönheit dieser Welt in einem Moment. "Der erste schöne Tag im Jahr und da mußte ich einfach. Der Fluß war so schön und ich kann ihn nicht einfach vorbeifließen lassen ohne hineinzuspringen, erzähl es nicht weiter, kommt auch nicht mehr vor, wie heißt du eigentlich." Ein Vogel stürzte sich tirillierend aus der Höhe und ließ sich vom Wasser reflektieren, bevor er wieder aufstieg. "Ich liebe Dich", verlor es sich aus seiner pochenden Brust. Sie warf mit den Händen Wasser in die Luft das sanft auf ihr landete und kreischte vor lachen, "du dummer, dummer Kerl." Das Licht ging aus, als blickte er plötzlich in eine endlos lange dunkle Röhre die an ihrem Ende Licht fing. Sie rotierte leicht nur vor seinen Augen stand sie still und verwehrte ihm den Blick. Er bekam das Gefühl, als würde erwartet, daß er da durch müsse, hinein in diese Röhre, weg von hier und spürte wie er sich hob, auf reisen, hinein und durch, leicht ganz leicht und der Fahrtwind der Bewegung streichelte ihn zart und es war aus. Er lag da und war tot.